Lawinen(un)glück im Navistal

Lawinen(un)glück im Navistal

25.02.2010 6 Von bergportal


Susanne Schulz aus Innsbruck hat uns freundlicherweise folgenden eindrucksvollen Erlebnisbericht zur Verfügung gestellt:

„Ich bin ein 27Jahre junges, quirliges, lustiges und naturverbundenes Bergmädl und gehe seit mehreren Jahren Schitouren. Ich habe natürlich einen intensivenLawinenkurs gemacht und besitze eigentlich auch das Wissen, wann welche Touren zu gehen sind und welche Gefahrenstellen zu vermeiden sind. Natürlich schaue ich immer in den Lawinenlagebericht und starte nicht ohne Sicherheitsausrüstung. Aber wenn Übermut und Leichtsinn den Verstand übertrumpfen, passiert so ein Unglück wie mir heute. Ich schreibe es nieder um das Geschehene zu verarbeiten und Euch liebe Bergfexe zu warnen, derartig gedankenlos zu handeln.
Ein traumhafter Sonntag, Winterlandschaft, Sonnenschein, der Beginn einer traumhaften Schitour im Navistal. Nachdem die ersten Meter über den Forstweg gemacht, geht es langsam weiter entlang eines Baches ins offene Gelände. Vor uns eröffnen sich traumhafte schattseitige Hänge mit 30cm pulvrigen Neuschnee. In Gedanken überlege ich schon über welche Hänge ich die ersten frischen Abfahrtsspuren ziehen werde. Beim weiteren Vorwärtskommen erscheint mir der Normalweg jedoch schon zu riskant, weil sich ja Schneebretter vom Neuschnee lösen könnten.

Kurzerhand beschließen wir eine Variante auf einem Lawinenkegel nahe eines Grades zu gehen. Der Schnee ist da schön bretthart zum gehen und wir kommen gut vorwärts. Die Schneise verengt sich nach oben aber ich denke mir, „das wird schon gehen“. Die Spitzkehren werden immer enger und mühseliger. Oben am Grad da blast der Wind, wow was für ein Schauspiel, das noch fotografisch festgehalten wird. „Der Baumeister der Lawinen“ wird einfach ignoriert. Irgendwann breche ich über dem alten Lawinenfeld in hüfthohen Tiefschnee ein und stufe unsere Lage zunehmend als kritisch ein- Trotzdem an ein Umkehren nicht zu denken. Ich bin einfach zu euphorisiert von dem schönen Panorama und der doch irgendwie auch „spannenden hochalpinen“ Situation. Außerdem das nächste Flachstück am Hang ist in unmittelbarer Reichweite. Noch einige zähe Spitzkehren im tiefsten Schnee – manchmal müssen wir die Schi abschnallen, weil wir regelrecht versumpfen. Triebschnee Susanne! Gefährlich! Sage ich noch zu mir selbst, ignoriere jedoch meine eigene Ermahnung vollkommen! Schnell noch einmal über die Kante queren und dann sind wir im Sicheren. Meinen Tourenpartner bitte ich in guter Entfernung zu warten, ich taste mich erstmal vor.

Nach einigen Schritten sage ich nur noch laut „Wenn da mal nichts abgeht“ und schon bricht das Brett unter meinen Füßen und ich rausche mit der Lawine ins Tal. Ich kann es fast nicht fassen, was da passiert. Ich bin einfach ausgeliefert und es zieht mir den Boden (besser den Schnee) unter den Füßen weg. Ich rudere mit den Armen und versuche mit dem Kopf oben zu bleiben, irgendwann weiß ich nicht mehr wo oben und unten ist. Ich halte den Mund offen und japse nach Luft und schon staubt mir der frische Pulver in die Lunge, Husten, Röcheln. Sterbe ich? Tausend Gedanken und das Bild meiner Mutter, die schon ihren Sohn (also meinen Bruder) verloren hat. Nein, ich muss kämpfen, ich muss atmen, aufschwimmen. Irgendwie schaffe ich es eine Hand vor den Mund zu halten mit der anderen rudere ich weiter. Es überschlägt mich, die Lawine wird langsamer. Aber die Talfahrt geht weiter und ich schieße mit den Schneemengen über einen Absatz. Ich spüre wie es mich aushebt und lande wieder tiefer im Schneebrett. Wieder der Gedanke ich ersticke und sterbe, bitte lass es nicht so langsam geschehen, bitte lass es jetzt endlich vorbei sein. Aber das Bild meiner Mutter lässt mich weiter kämpfen. Noch bin ich mit dem Schnee in Talfahrt, die mir unendlich lang vorkommt. Die Lawine scheint wieder zu Stillstand zu kommen, beschleunigt jedoch erneut. Horror! Mittlerweile gleite ich auf dem Bauch, den Kopf zum Tal. Endlich spüre ich ein Absacken, Stillstand.

Meine linke Hand ist noch vor dem Mund. Stille, ich lausche und fühle in mich, ich spüre mich, ich lebe. Ich habe Angst. Ich mache mir vor Angst und Erleichterung gleichzeitg in die Hosen. Geht es weiter? Kommt noch was über mich? Der Druck des Schnees ist zum aushalten, ich bewege meine Hand und grabe nach oben. Es wird hell. Hoffnung! Nur 20-30cm über mir sehe ich blauen Himmel. Hoffnung. Leben! Ich grabe meinen Kopf frei, meine rechte Hand steckt fest, meine Beine sind einbetoniert. Ich lege meine linken Oberkörper frei, öffne die Schnallen meines Rucksacks und schlüpfe aus dem linken Träger. Ich hole die Schaufel aus dem Rucksack und grabe meinen rechten Arm frei. Ich suche mein Handy aus der Jackentasche und rufe meinen Tourenpartner an. Kein Empfang. Bergrettung. Kein Empfang. Ich beschließe mich erst ganz auszugraben, um nicht auszukühlen, bevor ich das Handy ausschalte um den Notruf zu wählen. Ich rufe nach meinem Tourenpartner und schreie um Hilfe! Sinnlos, der dumpfe Schnee frisst jedes Wort. Energieverschwendung. Ich habe keine Kraft meine Beine freizulegen. Ich schaue wieder zum Lawinenhang und in diesem Moment sehe ich meinen Tourenpartner. Ich schreie, er sieht mich und eilt zu mir. Es ist nicht zu fassen, dass ich noch lebe, er ist völlig verwirrt, ich versuche ihn zu beruhigen. Ich liege am untersten Ende einer Lawine, die mich 400m in die Tiefe befördert hat. Es ist ein Wunder – für uns beide nicht zu fassen. Er schaufelt meine Beine frei. Mir fehlt nichts, ich bin gesund und lebendig! Wir beschließen sofort nach Navis zu laufen, damit ich nicht auskühle. Wir brechen dabei ständig in den Schnee ein, die letzten Kräfte werden aufgezerrt. Wir sind eine Stunde am Rückweg, es fühlte sich an wie 10Minuten. Ich informiere die Bergrettung, dass nichts passiert ist.

Es ist nicht zu glauben. Ich sitze jetzt daheim und habe nur zwei klitzekleine Schürfwunden am Bein, ein leicht dickes Knie und viele blaue Flecken. Ebenso ein sauschlechtes Gewissen gegenüber allen Menschen, die mich lieben und lieb haben, besonders gegenüber meiner Mutter und meinem Tourenpartner. Wahrscheinlich waren alle Schutzengel der Welt heut über mir versammelt und es ist fast irreal für mich, dass hier kerngesund sitze und lebe.
Liebe Bergfexe – ich bitte Euch mit diesem Horrorbericht eindringlich: Seid nicht so leichtsinnig wie ich und horcht auf Eure Vernunft auch wenn die Verlockung des Schnees noch so groß ist! Berg heil!“
© Susanne Schulz