Lawinen(un)glück im Navistal

Written by bergportal

Susanne Schulz aus Innsbruck hat uns freundlicherweise folgenden eindrucksvollen Erlebnisbericht zur Verfügung gestellt:

„Ich bin ein 27Jahre junges, quirliges, lustiges und naturverbundenes Bergmädl und gehe seit mehreren Jahren Schitouren. Ich habe natürlich einen intensivenLawinenkurs gemacht und besitze eigentlich auch das Wissen, wann welche Touren zu gehen sind und welche Gefahrenstellen zu vermeiden sind. Natürlich schaue ich immer in den Lawinenlagebericht und starte nicht ohne Sicherheitsausrüstung. Aber wenn Übermut und Leichtsinn den Verstand übertrumpfen, passiert so ein Unglück wie mir heute. Ich schreibe es nieder um das Geschehene zu verarbeiten und Euch liebe Bergfexe zu warnen, derartig gedankenlos zu handeln.
Ein traumhafter Sonntag, Winterlandschaft, Sonnenschein, der Beginn einer traumhaften Schitour im Navistal. Nachdem die ersten Meter über den Forstweg gemacht, geht es langsam weiter entlang eines Baches ins offene Gelände. Vor uns eröffnen sich traumhafte schattseitige Hänge mit 30cm pulvrigen Neuschnee. In Gedanken überlege ich schon über welche Hänge ich die ersten frischen Abfahrtsspuren ziehen werde. Beim weiteren Vorwärtskommen erscheint mir der Normalweg jedoch schon zu riskant, weil sich ja Schneebretter vom Neuschnee lösen könnten.

Kurzerhand beschließen wir eine Variante auf einem Lawinenkegel nahe eines Grades zu gehen. Der Schnee ist da schön bretthart zum gehen und wir kommen gut vorwärts. Die Schneise verengt sich nach oben aber ich denke mir, „das wird schon gehen“. Die Spitzkehren werden immer enger und mühseliger. Oben am Grad da blast der Wind, wow was für ein Schauspiel, das noch fotografisch festgehalten wird. „Der Baumeister der Lawinen“ wird einfach ignoriert. Irgendwann breche ich über dem alten Lawinenfeld in hüfthohen Tiefschnee ein und stufe unsere Lage zunehmend als kritisch ein- Trotzdem an ein Umkehren nicht zu denken. Ich bin einfach zu euphorisiert von dem schönen Panorama und der doch irgendwie auch „spannenden hochalpinen“ Situation. Außerdem das nächste Flachstück am Hang ist in unmittelbarer Reichweite. Noch einige zähe Spitzkehren im tiefsten Schnee – manchmal müssen wir die Schi abschnallen, weil wir regelrecht versumpfen. Triebschnee Susanne! Gefährlich! Sage ich noch zu mir selbst, ignoriere jedoch meine eigene Ermahnung vollkommen! Schnell noch einmal über die Kante queren und dann sind wir im Sicheren. Meinen Tourenpartner bitte ich in guter Entfernung zu warten, ich taste mich erstmal vor.

Nach einigen Schritten sage ich nur noch laut „Wenn da mal nichts abgeht“ und schon bricht das Brett unter meinen Füßen und ich rausche mit der Lawine ins Tal. Ich kann es fast nicht fassen, was da passiert. Ich bin einfach ausgeliefert und es zieht mir den Boden (besser den Schnee) unter den Füßen weg. Ich rudere mit den Armen und versuche mit dem Kopf oben zu bleiben, irgendwann weiß ich nicht mehr wo oben und unten ist. Ich halte den Mund offen und japse nach Luft und schon staubt mir der frische Pulver in die Lunge, Husten, Röcheln. Sterbe ich? Tausend Gedanken und das Bild meiner Mutter, die schon ihren Sohn (also meinen Bruder) verloren hat. Nein, ich muss kämpfen, ich muss atmen, aufschwimmen. Irgendwie schaffe ich es eine Hand vor den Mund zu halten mit der anderen rudere ich weiter. Es überschlägt mich, die Lawine wird langsamer. Aber die Talfahrt geht weiter und ich schieße mit den Schneemengen über einen Absatz. Ich spüre wie es mich aushebt und lande wieder tiefer im Schneebrett. Wieder der Gedanke ich ersticke und sterbe, bitte lass es nicht so langsam geschehen, bitte lass es jetzt endlich vorbei sein. Aber das Bild meiner Mutter lässt mich weiter kämpfen. Noch bin ich mit dem Schnee in Talfahrt, die mir unendlich lang vorkommt. Die Lawine scheint wieder zu Stillstand zu kommen, beschleunigt jedoch erneut. Horror! Mittlerweile gleite ich auf dem Bauch, den Kopf zum Tal. Endlich spüre ich ein Absacken, Stillstand.

Meine linke Hand ist noch vor dem Mund. Stille, ich lausche und fühle in mich, ich spüre mich, ich lebe. Ich habe Angst. Ich mache mir vor Angst und Erleichterung gleichzeitg in die Hosen. Geht es weiter? Kommt noch was über mich? Der Druck des Schnees ist zum aushalten, ich bewege meine Hand und grabe nach oben. Es wird hell. Hoffnung! Nur 20-30cm über mir sehe ich blauen Himmel. Hoffnung. Leben! Ich grabe meinen Kopf frei, meine rechte Hand steckt fest, meine Beine sind einbetoniert. Ich lege meine linken Oberkörper frei, öffne die Schnallen meines Rucksacks und schlüpfe aus dem linken Träger. Ich hole die Schaufel aus dem Rucksack und grabe meinen rechten Arm frei. Ich suche mein Handy aus der Jackentasche und rufe meinen Tourenpartner an. Kein Empfang. Bergrettung. Kein Empfang. Ich beschließe mich erst ganz auszugraben, um nicht auszukühlen, bevor ich das Handy ausschalte um den Notruf zu wählen. Ich rufe nach meinem Tourenpartner und schreie um Hilfe! Sinnlos, der dumpfe Schnee frisst jedes Wort. Energieverschwendung. Ich habe keine Kraft meine Beine freizulegen. Ich schaue wieder zum Lawinenhang und in diesem Moment sehe ich meinen Tourenpartner. Ich schreie, er sieht mich und eilt zu mir. Es ist nicht zu fassen, dass ich noch lebe, er ist völlig verwirrt, ich versuche ihn zu beruhigen. Ich liege am untersten Ende einer Lawine, die mich 400m in die Tiefe befördert hat. Es ist ein Wunder – für uns beide nicht zu fassen. Er schaufelt meine Beine frei. Mir fehlt nichts, ich bin gesund und lebendig! Wir beschließen sofort nach Navis zu laufen, damit ich nicht auskühle. Wir brechen dabei ständig in den Schnee ein, die letzten Kräfte werden aufgezerrt. Wir sind eine Stunde am Rückweg, es fühlte sich an wie 10Minuten. Ich informiere die Bergrettung, dass nichts passiert ist.

Es ist nicht zu glauben. Ich sitze jetzt daheim und habe nur zwei klitzekleine Schürfwunden am Bein, ein leicht dickes Knie und viele blaue Flecken. Ebenso ein sauschlechtes Gewissen gegenüber allen Menschen, die mich lieben und lieb haben, besonders gegenüber meiner Mutter und meinem Tourenpartner. Wahrscheinlich waren alle Schutzengel der Welt heut über mir versammelt und es ist fast irreal für mich, dass hier kerngesund sitze und lebe.
Liebe Bergfexe – ich bitte Euch mit diesem Horrorbericht eindringlich: Seid nicht so leichtsinnig wie ich und horcht auf Eure Vernunft auch wenn die Verlockung des Schnees noch so groß ist! Berg heil!“
© Susanne Schulz

6 thoughts on “Lawinen(un)glück im Navistal

  1. Bernhard says:

    Hallo Susanne,

    finde deinen Bericht eindrucksvoll und wirklich gut gelungen. Ich gehe auch gerne in die Berge (Winter&Sommer), denke mir auch oft, ich hätte mittlerweile einiges an Erfahrung gesammelt. Beim Lesen deiner Zeilen wird einem wieder bewusst, wie eng Gipfelsieg, Pulverschneeabfahrt und Lawinenglück beieinanderliegen können. Wünsche dir, dass du dennoch bald wieder die wundervolle Bergwelt genießen kannst!
    lg, b.

  2. Wolli says:

    Na dann nochmal!
    Am Tag des Unfalls:
    Lawinenwarnstufe 3, besonders in steilen Nordhängen, die durch erheblichen Wind eingeweht sind der in den letzten Tagen sogar im Tal stark zu spüren war. Dazu kommt dass diese Touren (Scheibenspitz oder Schafseitenspitz) bekannt sind für ihre Gefahren! Dann ist man im Aufstieg und fragt sich warum da keine Spuren sind?????? Kein Einheimischer am Weg? Warum wohl????
    Dann beschreibt sie wie sie trotz schlechten Gefühls immer weiter geht!?!?! Alarm Alarm Alarm!
    So jemand hat einfach keine Erfahrung!!
    Warum glauben so viele dass sie nach einem Kurs oder einschlägiger Literatur Alpinisten sind????
    Natürlich bin auch ich über ihr unglaubliches Glück froh, dem so ein Ausgang zu Grunde liegt.
    Und Peets: Mein Beitrag ist mit nichts angehaucht sondern es geht hier um die Mentalität.

  3. Steinegger Daniel says:

    Liebe Susanne,
    Zuerst einmal Gratulation zu Deiner „Wiedergeburt“ u. eine gute Genesung. Ich hoffe, dass Du bald wieder in die Berge gehen kannst u. Deinen Schock überwindest. Ich kann Dich sehr gut verstehen, da auch ich schon seit vielen Jahren in die Berge gehe, u. in meiner „Drangzeit“ oft Mist gebaut habe, dabei geriet ich jedesmal haarscharf ans Limit. Heute kann ich Erfahrung u. Wissen an andere weitergeben. Ich finde es sehr mutig von Dir, diesen Erlebnissbericht zu veröffentlichen. Er ist ehrlich u. regt zum nachdenken an. Wer ihn liest, sollte sich seine negativ-Kritik sparen, über seine eigenen Fehler nachdenken u. es besser machen! Einen persönlichen Rat: Ausbildung u. Informieren ist gut u. unerlässlich. Höre aber in bestimmten Situationen auch auf Deine innere Stimme, denn Dein Gefühl betrügt Dich meistens nicht!
    In diesem Sinne noch viele schöne Bergtouren u. Gipfel… u. viel Glück!
    Berg Heil!

  4. Peets says:

    Wolli, dein Posting ist einfach geschmacklos – denke daran, wenn dir selbst einmal nur ein kleines Mißgeschick passiert. Jeder spürt die Schmerzen gleich, die machen keinen Unterschied, von wo man stammt.
    Ich wünsche dir viele schöne Touren und dass du immer gut herunter kommst.
    Ich kenne Susi (leider) nur ganz wenig – sie ist aber sehr viel auf den Bergen unterwegs und da kann so ein Zwischenfall schon einmal eintreten. Freuen wir uns doch alle, dass nichts passiert ist – warum soll da, noch dazu national angehaucht, geätzt werden?

  5. Wolli says:

    Man kann sich auch mit Dummheit profilieren, typisch deutsch, bleib im Tal!!!!

  6. Mair Gerhard says:

    Liebe Susanne,

    Gratuliere zu deiner ausgezeichneten Schilderung, das sollte veröffntlicht werden, gottseidank bist du noch einmal glimpflich davongekommen – Tipp: Reine sehr steile Nordhänge, noch dazu in Gratnähe, sind bei zuviel Neuschnee immer gefährlich, auch wenn sogenannte Tourenspezialisten meinen, da kann nichts passieren. Motto: Umkehr ist keine Schande, die Unverbesserlichen liegen einen Stock tiefer. Weiterhin alles Gute und viel Spaß und Freude auf deinen Bergtouren

Was meinst du dazu?